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Eine demokratische „Krankheit“ messen und „heilen“. Die Problematisierung der Stimmenthaltung in der Schweiz im Laufe des Kalten Krieges

Als im Laufe der Nachkriegszeit das Messen bzw. Abschätzen des Stimmverhaltens zu einem Ritual im politischen Leben wurde, blieb eine Grösse des Stimmverhaltens gefürchtet: die Stimmabstinenz. In einer politischen Kultur, die das Milizsystem mythisierte, wurde die steigende Stimmabstinenz für die politischen Eliten zur bedrohlichen Unbekannten vor dem Urnengang und zur unverständlichen Grösse danach.

Bürgerliche Kreise problematisierten in der geistigen Landesverteidigung der Nachkriegszeit die Stimmabstinenz als erste und verstanden sie zugleich als demokratische „Krankheit“. Dieser Diagnose gingen konkrete Mess- und Kategorisierungsverfahren voraus: Um die Gesamtzahl der Nichtwähler unter den im Stimmregister angemeldeten Stimmberechtigten auf greifbare Typen aufteilen zu können, versuchten die statistischen Ämter und die Politikwissenschaft in den 1940/50er Jahren dieses Phänomen sozial und territorial zu verorten, indem sie beispielsweise seine Verteilung pro Gemeinde oder pro Stadtviertel untersuchten. Als das Stimmrecht auf die Schweizerinnen erweitert wurde, stellte sich die Frage, ob man deren erwartete Stimmabstinenz getrennt messen sollte – was manchenorts mittels speziell gezeichneten Stimmzetteln dann auch gemacht wurde.

Damit wurden in den 1960 und 1970er Jahren zwei gegensätzliche Typen der Stimmabstinenz konstruiert: Einerseits die als politisch unfähig und nicht interessiert verstandenen Frauen, andererseits die – hauptsächlich als männlich verstandene – Jugend, deren Stimmabstinenz in Folge der 1968er Bewegung als Protestform gedeutet wurde. Der zweite Typus bereitete den politischen Eliten die grösseren Sorgen, sodass man über die Stimmabstinenz als öffentliches Problem zu verhandeln begann. Von den vergessenen, schweigenden Bürgern wurden die Stimmabstinenzler nun zum Adressat politischer Massnahmen und Kampagnen, zugleich blieben sie aber auch ein unangenehmes Spiegelbild für die sich um ihre eigene Legitimität sorgenden politischen Eliten.

ReferentIn


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